Freitag, 6. Juni 2014

Kelowna (15. - 21. Mai)



(Tobi) Wir waren sehr gespannt auf Kelowna! Viele Leute hatten uns schon vorgeschwärmt, welch eine schöne Stadt es sei. Und außerdem sollten wir eine weitere Familie mit deutschen Wurzeln kennen lernen.Unser erster Stop war dann aber erstmal Tim Hortons - wie sich das gehört.
Bei Ruth Anderson und ihrer Familie wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Nach langem Schnacken und einem leckeren Abendessen und noch mehr Schnacken fielen wir glücklich auf die Gästematrazen.

Nach einem langgezogenen Frühstück mit Ruth zogen wir los, um uns nach einem 3/4 Jahr endlich mal wieder aufs Fahrrad zu schwingen! Wir mieteten uns gemütliche Chopper-Räder und cruisten durch eine Einkaufsstraße - mit einem besonderen Auftrag: Chelsea und Björn hatten uns gebeten, nach leerstehenden Häusern zu suchen, die das Potenzial hätten, ihr neues Heim mit Schneider-Werkstatt und Kleider-Geschäft zu werden. Also merkt euch schon einmal die Bernard Avenue in Kelowna! Das Wetter war herrlich und so fuhren wir noch lange die schöne Strandpromenade entlang. Abends begann ich dann - nach über acht Monaten Aufenthalt in Kanada - die Eishockey-Spielregeln zu verstehen. Bei einem Playoff-Spiel konnte uns Ruth den überfälligen Lehrgang geben, indem sie den kanadischen Volkssport mit dem der deutschen verglich. Wem der deutsche Fußball manchmal etwas zu brutal vorkommt, sollte sich mal Kanadier beim Eishockey spielen ansehen. Dort wird sich so viel gebeuelt, dass der Schiedsrichter den Spielern erst dann die zwei Strafminuten gibt, wenn beim Gegenspieler Blut zu sehen ist. Und dass es ab und an während des Spiels zu Handgreiflichkeiten kommt, wird bis zu einem gewissen Grad geduldet, weil diese Fights für die Fans einfach dazu gehören.



Nach diesem sportlichen Lehrgang begann die Reihe "Jeden-Abend-zusammen-einen-netten-Film-gucken. Den Start machte "I am Sam".

Der Samstag begann für mich mit einer Art Predigt. Damit kann man rechnen, wenn man mit Ed frühstückt ;) Mit seiner tiefen Liebe zu Gott sprudelt es nur so aus ihn heraus. Als ihm angeboten wurde, Pastor zu werden, entschied er sich aber, zu Gunsten seiner Familie darauf zu verzichten. Wir durften das Ergebnis dieser weisen Entscheidung mitgenießen: Die Andersons sind so eine herzliche, liebende Familie, dass es uns schwer fiel, nach sechs Nächten wieder zu fahren. Aber soweit bin ich ja noch gar nicht...
Wir wollten den Farmers Market besuchen und erwarteten eine Halle mit einigen aufgebauten Ständen. So waren wir es aus Grande Prairie und drumherum gewöhnt. Aber zu unserer Freude bot sich uns ein richtiger Wochenmarkt, wie wir ihn aus Deutschland kennen! Draußen und mit allerlei lokalen Gütern in vielen Zelten und Wagen!
Später überlebten wir noch einen Bummel am Highway und genossen ein Champions League Spiel am Fernseher (fragt mich nicht, wer gespielt hat). Zweiter Filmabend: "The Reservations"
Der Sonntag war gemütlich: Wir zeigten uns gegenseitig Fotos von spannenden Abenteuern. Das sollte bis zum Abend so weitergehen - mit einem hineingeschobenen Gottesdienst in einer Halle, die ursprünglich als Autowerkstatt gedacht war. Der Eingang war somit ein großzügiges Garagentor. Die Gemeinde hat auch in der Woche geöffnet - als Stadtteil-Bar mit Kunstausstellungen. Sah alles sehr gut aus, die Band war Sahne und der Pastor stellte die Frage in den Raum, wie groß wohl der Himmel sei. Film-Abend Nr. 3: "Erin Brockovich"

Die Landschaft um Kelowna ist gesäumt mit Weinbergen. Wir machten uns am Montag auf zu dem Ort, wo diese Kultur begann: Die Grey Monk Winery („Grauer Mönch“), der älteste Weingarten von BC. Den Berg hochzufahren ist schon ein Abenteuer für sich, ebenso das Parken in starker horizontaler Schieflage. Zunächst stöberten wir im Giftshop und diskutierten mit den Verkäuferinnen die Möglichkeit aus, später eine Flasche Wein mit nach Deutschland zu bringen. Wir vertagten die Entscheidung und sagten uns (wie so oft): „Wir kommen ja auf dem Rückweg wieder.“ Dann begann die persönliche Führung über's Betriebsgelände! Anzahl der Teilnehmer: Zwei. Eine vom Weinanbau sehr begeisterte Frau informierte uns über die Gründerpaar der „Weinbrauerei“. Und nun rartet mal, aus welchem Land die beiden kommen. Richtig: Deutschland :) So konnten wir uns im Keller neben den unterschiedlichen Weinfässern, der niedlichen Abfüll-Anlage und den riesigen Tanks eine Traubenpresse deutschen Fabrikats ansehen. Damals, als die beiden ihre Pioniersarbeit begannen, wurde die nötige Technik im kanadischen Westen noch nicht hergestellt. Schnell wurde uns klar, dass hier jeder kleinste Arbeitsschritt dem Ziel folgt, Wein von höchster Qualität und bestem Geschmack herzustellen. Davon konnten wir uns dann auch bei der abschließenden Weinprobe am eigenen Leibe überzeugen. Falls also jemand von euch demnächst zufällig Kelowna streift, legt auf jeden Fall einen Zwischenstop bei der Grey Monk Winery ein! Ach ja, das anliegende Restaurant mit schönem Bergblick ist auch sehr zu empfehlen. (lecker Spätzle!)
Dieser Ausflug hätte eigentlich für den Tag gereicht, aber wir fuhren noch einen anderen Berg hoch, um eine Strecke des Trans Canada Trails mit dem Fahrrad zu fahren. Wer der Strecke gen Westen folgt, kann so theoretisch per
 Rad auf einer abwechslungsreichen Strecke bis nach Vancouver fahren. Wir hatten vor, einen Abschnitt zu befahren, der eine große hölzerne ehemalige Zugbrücke und einige Tunnel durch die Berge zu bieten hat. Der Weg zum Weinberg war verglichen mit der Strecke zum Startpunkt des Trails nur ein nettes Aufwärmen. Ungefähr 1 ½ Stunden ging es ständig auf und ab bei engen Kurven und teils heftigen Schlaglöchern. Âls wir dann deutlich später als erwartet oben beim Fahrradverleih ankamen, warteten die Jungs dort nur noch auf die Wiederankunft der letzten Räder, um dann für den Tag Feierabend zu machen. Der Weg hatte sich trotzdem gelohnt. An einigen Stellen fuhren wir direkt durch die „Brennpunkte“ des großen Waldbrandes von 2003. Damals hatte man den durch einen Blitzeinschlag verursachten Brand unterschätzt und die Dynamik des Windes nicht erwartet. Über 200 Häuser fielen damals dem Feuer zum Opfer. Mehrere Wochen war die Luft in Kelowna so verrußt, dass man es vorzog, sich im Haus statt draußen aufzuhalten. Waldbrände sind in BC keine Seltenheit und dem Wald tut es gut, ab und zu herunterzubrennen. Dadurch reguliert sich die Population von allerlei Kleinst-Lebewesen, die Schaden anrichten können, wenn sie sich zu stark vermehren. Außerdem wird der Boden durch den Brand fruchtbarer und einge Baumarten nehmen ihre Chance wahr, nach diesem „natürlichen

Kahlschlag“ endlich aus dem Schatten der großen Bäume herauszuwachsen. So weit, so gut. Alles im Wald hat seinen Sinn. Probleme macht nur mal wieder der Mensch, der sich gerne im und am Wald ein Haus baut. Grundsätzlich sehen dann doch viele nicht den persönlichen Vorteil, wenn das eigene Heim abbrennt. Vielleicht sind wir mit der Zeit einfach zu sesshaft geworden? Es ist eine bizarre Situation entstanden: Einerseits versucht man, so präventiv wie möglich Waldbrände zu verhindern, andererseits sieht man die Probleme, die mit diesem künstlichen brandschutz einhergehen und legt ab
und an kontrollierte Feuer.





Wenden wir uns einem beliebten Klischee über die Kanadier zu: So wie man in vielen Ländern denkt, dass wir Deutsche alle in Lederhose und mit stets einem Maß Bier in der Hand herumlaufen, sehen wir schnell Kanadas Bewohner in einem Kanu auf den schönen Seen herumschippern – hier und dann einen Elch grüßend und sich mit dem Schwarzbären einen Schnack abhaltend. Die Realität sieht erschreckend anders aus: Für viele Kanadier sind ihre großen Pickup-Trucks die einzigen Fortbewegungsmittel und ihre Gewässer heißen Superstore und Costco. Statt Vogelgezwitscher bekommen sie schon am riesigen Anleger konsumfördernde Dudelmusik zu Gehör. Die Fische, die sie aus ihren beheizten Straßenschiffen heraus angeln, gibt’s bei den zahlreichen Tim Hortons Drive Thru Lakes und heißen Coffee Double Double. Es soll sogar Menschen geben, die vor zehn Jahren aus Deutschland nach Kanada ausgewandert sind und seitdem noch kein einziges Mal Kanu fahren waren! (Nein, ich nenne jetzt keine Namen ;) Okay, wir brauchten auch knapp neun Monate... Ed zeigte uns den Weg zum wirklich schönen, ruhigen Minnow Lake – ein Geheimtipp für Leute, die sich nicht mit anderen Touris den See teilen wollen. Wir durften ihre komplette Ausrüstung inklusive stilechtem, alten Truck ausleihen! Welch ein Unterschied, diese holprigen Wege mit einem Truck zu fahren! Ich muss gestehen, dass ich mir wohl auch so eine Dreckschleuder kaufen würde, wenn ich in Alberta oder BC wohnen würde. Es macht einfach solch einen Spaß...
Auf dem Wasser angekommen, steuerten wir zunächst eine kleine Insel an und ließen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Der See war erstaunlich groß und wir entdeckten immer wieder hübsche Häuser am See. Hach ja, das lud sehr zum Träumen ein. Sehr beindruckend war die ungewohnte, absolute Stille und das glitzernde Wasser. Ja, hier könnte man es einige Jahre aushalten.
Am nächsten Tag hieß es dann Abschied nehmen von den Andersons. Unsere letzte Station in Kelowna war dann noch einmal der Farmers Market – Deutsches Brot kaufen.






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